Gemeinwohlbank: Mit Zinsverzicht zur besseren Welt

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Quelle: Der Standard

Die neue Bank für Gemeinwohl will nicht mit schnellem Geld dienen, Zinsverzicht ist erwünscht. Chocolatier Zotter und Schuhrebell Staudinger sind dabei

Wien – Eine Bank zu gründen liegt im diesbezüglich nicht unterversorgten Österreich nicht unbedingt auf der Hand. Andererseits will die neue Bank für Gemeinwohl (BfG) vieles anders machen. „Wir fangen dort wieder an, wo Raiffeisenund Sparkasse begonnen haben“, sagt Robert Moser, seines Zeichens Vorstand des im Werden befindlichen Instituts.

Ende des Vorjahrs wurde im Firmenbuch des Landesgerichts Wiener Neustadt die BfG Eigentümer/-innen- und Verwaltungsgenossenschaft mit Sitz in Gumpoldskirchen eingetragen – laut Satzung „der Zusammenschluss von zahlreichen Menschen, welche eine Bank wünschen und ins Leben rufen, die sich auf die dienenden Kernaufgaben beschränkt und ausschließlich dem Gemeinwohl dienen soll.“

Sozialer Gedanke

Will heißen: Ziel der Bank ist nicht die Ausschüttung von Finanzgewinnen an ihre Mitglieder oder hohen Zinsen an die Sparerinnen und Sparer. Im Kern geht es darum, sozial nützlichen Projekten dazu zu verhelfen, das Licht der Welt zu erblicken. Wie es eben zu seinen Anfangszeiten im Bankgeschäft war, denkt Moser – einst einer der jüngsten Bankvorstände in Österreich – zurück: „Man konnte den Leuten helfen, Wünsche zu erfüllen. Sie kamen zu uns, und wir haben nach Lösungen gesucht. Heute ist es umgekehrt: Die Bankberater kommen zu ihren Kunden, um ihnen Produkte anzubieten.“

Vergleichbar ist die Idee mit dem Raiffeisen-Gründungsmotiv. Friedrich Wilhelm Raiffeisen hat es bei der Gründung der nach ihm benannten Kassen vor mehr als 150 Jahren so formuliert: „Eine Genossenschaft ist nicht nur zum Wohl der Mitglieder da, sondern auch zum Wohl der Gesellschaft.“ Wobei Letzteres ein eher dehnbarer Begriff ist. Deswegen legt man bei der Gemeinwohlbank auch Wert auf den feinen Unterschied: Der Begriff Gemeinwohl ist ein bisschen vollständiger und beinhaltet auch Nachhaltigkeit, Genderparität und die gerechte Verteilung über die gesamte Wirtschaft.

Keine Dividenden

Im Gegensatz zu den Raiffeisenkassen schüttet die Gemeinwohlbank deswegen auch grundsätzlich keine Dividenden aus. Ob die potenziellen Kunden mitmachen, ist noch offen, aber man will sie einladen, auf den Sparzins zu verzichten. „Bei der derzeitigen Zinslage ist das natürlich einfach“, gibt Moser zu. Man wisse aber von anderen Banken, dass das durchaus auch in Hochzinsphasen funktionieren kann.

Wie in der Gemeinwohlökonomie üblich geht es um die Auswirkungen des unternehmerischen Tuns. Deswegen wird jedes Kreditansuchen nicht nur auf die finanzielle Bonität überprüft, sondern auch auf die ethischen Auswirkungen, in Gestalt einer sogenannten Gemeinwohlprüfung. „Schnelles Geld gibt es bei uns nicht“, sagt Moser und stellt Interessenten darauf ein, dass die Prüfung eines Kreditantrags länger dauern wird als bei einer herkömmlichen Bank. Auch mit Gratiskonten werde man nicht dienen, acht bis zehn Euro werde die Kontoführung im Quartal wohl kosten.

Genossenschafter gesucht

So weit ist es aber noch nicht. Derzeit ist man auf der Suche nach weiteren Genossenschaftern. Keine Person darf sich mit mehr als 100.000 Euro beteiligen, um den Einflussbereich eines Einzelnen nicht zu groß werden zu lassen. Maximal 1.000 Anteile zu je 100 Euro darf eine Person zeichnen. Minimum sind zwei Anteile.

Die ersten eineinhalb Millionen Euro sind bereits gesammelt. Anfang 2016 will man sechs Millionen beisammenhaben, das ist die Voraussetzung dafür, bei der Finanzmarktaufsicht die Banklizenz beantragen zu dürfen. Namhafte Unterstützer kann man schon vorweisen: Unternehmer wie Toni Innauer, Chocolatier Josef Zotter, Sonnentor-Gründer Johannes Gutmann und Schuhrebell Heini Staudinger sind derzeit an Bord.

Werte und Sittlichkeit

Einzigartig ist die Ethikidee der guten Bank nicht. Zahlreiche Institute richten mittlerweile bei der Veranlagung der Gelder ihren Fokus auch auf Werte und Sittlichkeit. Der Trend zum ethischen Investment begann in den 70er-Jahren, als bekannt wurde, dass der Vatikan Aktien von Rüstungsfirmen und Verhütungsmittel-Konzernen besitzt. Nicht erst mit Ausbruch der Finanzkrise, aber seit damals verstärkt ist bei Bankkundinnen und Bankkunden das Interesse gewachsen zu erfahren, wofür ihre Spareinlagen verwendet werden. Und im besten Fall auch aktiv den Verwendungszweck beeinflussen zu können.

„Grüne“, „soziale“ oder „ethische“ Banken gründen schon lange ihr Geschäftsmodell auf Eigenschaften wie Vertrauen und Mitbestimmung sowie auf Transparenz. Häufig sind sie in einer Genossenschaft tätig beziehungsweise arbeiten als Teil einer Kreditgenossenschaft. Die Sparda-Bank München etwa hat 2011 als Pionierunternehmen erstmals eine Gemeinwohlbilanz erstellt. Sie gilt mit 234.000 Mitgliedern als größte Genossenschaftsbank in Bayern. Auch die Raiffeisenbank Lech am Arlberg will, salopp gesagt, nicht über Leichen gehen, um gute Zahlen zu liefern. Die Vorarlberger legen seit 2013 zusätzlich zur herkömmlichen Bilanz eine sogenannte Gemeinwohlbilanz. Auch hier ist die Gewinnmaximierung nicht oberste Priorität. (rebu, 30.9.2015)

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