Spanien startet schwungvoll in den Sommer

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Quelle: Der Standard

Inmitten der Turbulenzen um Griechenland zeichnet sich in Spanien ein kleines Wunder ab

Ganz unten angelangt, kann es nur bergauf gehen. Spaniens Wirtschaft, die lange Zeit marode vor sich hindümpelte, nimmt wieder deutlich Fahrt auf. Heuer wird ein sattes Plus beim Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 3,3 bis 3,5 Prozent erwartet – wie aus der nach oben korrigierten Prognose des Weltwährungsfonds hervorgeht. Madrid ist damit wieder der Wachstumsmotor der Eurozone.

Zuletzt war dieser Wert 2005 erreicht worden. Am Gipfel des Immobilienbooms, als die Europartner noch neid- und nicht wie zuletzt sorgenvoll auf Spanien blickten. Bevor das Kartenhaus aus freigiebig gewährten Bankkrediten für die Ladrillos (Ziegel) der Baubranche zusammenbrach. Ist nun das Fundament nach Jahren des Spar- und Reformkurses stabiler, oder ist der Aufschwung eine auf EZB-Bondskäufe und niedrigen Ölpreis gestützte Fata Morgana?

Zahlen zeigen Trend nach oben

Noch merken die Spanier wenig vom Aufschwung, auch wenn sich der Binnenkonsum wiederbelebt. Primär sind es makroökonomische Indikatoren, die den Trend untermauern. So steigen Industrieproduktion und -exporte sowie Umsätze und die Beschäftigung im Dienstleistungssektor stark.

Letzterer ist, dank steigender Touristenzahlen aus dem In- und Ausland die Stütze der Nationalökonomie. Der Sektor berichtet ein Plus von drei Prozent im zweiten Quartal und mehr als 24 Millionen internationale Gäste im Sommer mit 24,3 Milliarden Euro Reisebudget. Zugleich markierten Exporte mit fast 61 Milliarden Euro ein Plus von 4,4 Prozent im ersten Quartal. Seit Beginn der Aufzeichnungen 1971 ein Höchstwert, der das Außenhandelsdefizit um 15 Prozent reduzierte.

Eine erstarkte Industrieproduktion (plus 6,2 Prozent im April und Mai) gibt dem Wirtschaftsmotor Starthilfe. Ein Schlüsselelement ist dabei der Automobilsektor. Steigende Produktion und Absatz zeigten sich im Rekord von Neuzulassungen. Während europaweit 8,2 Prozent mehr Neuwagen angemeldet wurden, ließ Madrid mit einem Zuwachs von 23,9 Prozent im ersten Quartal aufhorchen. Der subventionierte Tausch von Gebraucht- gegen Neuwagen (Plan „PIVE“) und der anhaltenden Kreditklemme zum Trotz günstige Leasingoptionen geben dem Markt eine Basis. Selbst die Bauwirtschaft ist aus ihrem Dornröschenschlaf erwacht und verbuchte im April ein Plus von 2,7 Prozent im Jahresvergleich – immerhin Rang zwei in der EU.

Stellenmarkt wächst

All das macht sich am Stellenmarkt bemerkbar. Zwar sank die Arbeitslosigkeit vor der Sommersaison geringer als im Vorjahr. Im Juni fanden 94.700 Spanier eine Anstellung (2014: 122.684). Mit 4,1 Millionen Erwerbslosen markiert man beim Wert von August 2011. Doch laut OECD wird die Zahl heuer rascher sinken als angenommen. 602.000 Jobs sollen geschaffen werden und die Arbeitslosenrate bei 21 Prozent schließen (2016: 19,7 Prozent).

Vor allem gegen die Jugendarbeitslosigkeit (mehr als 50 Prozent) müssen laut OECD „durch aktive Arbeitsmarktpolitik dringend Maßnahmen gesetzt werden“. Eine junge Generation ist qualifiziert und schwer desillusioniert. „Aufgeben ist keine Alternative“, sagt Carlos Conesa Alfranco (22) zum STANDARD. Der studierte Finanzmanager aus Saragossa will nach zahlreichen Praktika nur noch eines: „Eine feste Anstellung, ganz gleich wo. Im Idealfall bei einem multinationalen Konzern.“

Denn nicht nur der Berufseinstieg ist außerordentlich schwer. Vertrags- und Lohnverhältnisse haben sich mit der Krise drastisch verschlechtert. Auf Arbeitnehmer- und nicht Arbeitgeberseiten. Stichwort Lohnnebenkostensenkung zu Gunsten der Wettbewerbsfähigkeit.

Schweres Arbeitslosenproblem

„Wir haben vor allem ein sehr schweres strukturelles Arbeitslosigkeitsproblem“, sagt der spanische Ökonom Santiago Carbó Valverde im STANDARD-Gespräch: „Wenn wir hier nicht radikale Maßnahmen setzen, wird es auch ‚Podemos‘ nicht schaffen, dieses zu lösen.“ Die neue linkspopulistische Partei, die mit Syriza-Ideen liebäugelt, „sei keine Gefahr“, ist er überzeugt. Doch nach den Parlamentswahlen im Dezember sei es möglich, dass Spanien unter einer heterogenen Regierung, die keinen rigiden Sparkurs mehr fahre, einen Schuldenschnitt fordere.

Zwar sei mittlerweile allen klar geworden, „dass man in Europa über Solidarität sprechen muss“. Und es sei allen nachvollziehbar, „dass die Austeritätspolitik ohne Investitionen anzukurbeln nichts nützt. Es braucht aber Opfer, um wieder zu wachsen“, unterstreicht Carbó: „Die Steuereinnahmen und die Beschäftigung steigen, die Staatsschulden aber auch.“ Selbst wenn Spaniens Wirtschaft mit starkem Rückenwind wachse, sei es nicht der Zeitpunkt, bei der Defizitreduktion einfach locker zu lassen.

Der konservative Premier Mariano Rajoy, der „Spanien einen niemals zuvor gesehenen Wachstumszyklus“ prophezeit, braucht aber Spielraum in puncto Haushaltsdisziplin. Etwa für Investitionen in Infrastrukturen. Das zuständige Ministerium versprach unlängst den Lokalbahnen Cercanias der noch staatlichen Bahngesellschaft Renfe zur Verbesserung der Trassen und Frequenz 1,25 Milliarden Euro. (Jan Marot, 13.7.2015)

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