Schanigärten: Immer mehr Wirte setzen ihre Gäste an die Luft

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Quelle: Der Standard

Der Boom bei Schanigärten reißt nicht ab. Gebühren sind niedrig und Behörden großzügig. Anrainer fürchten um Nachtruhe und Parkplätze

Wien/Linz/Innsbruck – Wenn Kuzu Fatih im Schanigarten seines Café Cosmopolitan steht, erinnert er mehr an einen Schiffskapitän als an einen Lokalbesitzer. Heuer hat er nicht einfach Tische und Stühle hinaus auf die Schottenfeldgasse in Wien-Neubau gestellt, sondern dort, wo sonst Autos parken, eine stattliche Konstruktion errichten lassen, die aussieht wie ein Boot. Bug und Heck sind beleuchtbar und sollen Nachtschwärmer anziehen.

„Würde Falco wie anno dazumal schräg gegenüber wohnen, wäre er sicher Stammgast“, ist Kuzu Fatih überzeugt. Für Material und Bau seines Schanigartens hat er 50.000 Euro hingeblättert – und ist sicher, dass sich diese Investition rentieren wird. Nicht jeder Gastronom, der an die frische Luft expandiert, nimmt so viel Geld in die Hand. Rund 700 Wirte in Wien verfügen über eigene Gastgärten etwa in Höfen, die anderen müssen um einen Schanigarten auf öffentlichem Grund ansuchen.

Seitengassen der Mariahilfer Straße

Und die Bezirksämter sind mit Bewilligungen großzügig wie noch nie. In Wien gibt es bereits rund 1.800 Schanigärten, einen regelrechten Boom erleben die verkehrsberuhigten Seitengassen der Mariahilfer Straße. Doch damit mehren sich auch Proteste von Anrainern, die sich um Parkplätze oder Nachtruhe betrogen fühlen.

„Zum größten Teil ist das aber irrational“, sagt Thomas Blimlinger, der Vorsteher im grünen Bezirk Neubau. Wo im Lärmkataster der Stadt Ruhezonen vermerkt seien, habe es die Straßengastronomie ohnehin schwer. Für die Schanigärten in seinem Bezirk seien rund 180 Parkplätze vorübergehend blockiert. Doch für die 11.000 in Neubau gemeldeten Autos gebe es immer noch 5.500 Straßenstellplätze und ebenso viele Garagenplätze.

Saison von März bis Mitte November

In Neubau gebe es zudem den Kompromiss, dass Schanigärten nur von Mai bis September betrieben werden. Obwohl die Saison generell von März bis Mitte November dauere. Für alle gilt die Sperrstunde um 23 Uhr.

Was Blimlinger unbedingt nachbessern will, ist die Nutzungsgebühr. Die sogenannte Gebrauchsabgabe liegt derzeit meistens bei einem Euro pro Quadratmeter und Monat. Das ist Blimlinger zu wenig. Er fordert einen Mindestobolus, wie er etwa in Fußgängerzonen gilt, wo monatlich fünf Euro pro Schaniquadratmeter verrechnet werden. Bei Luxus-Hotspots in Fußgängerzonen der Innenstadt, der Mariahilfer Straße, der Favoritenstraße und seit heuer auch am Schwedenplatz werden 7,50 Euro fällig.

Bundesweiter Trend

Die sommerlichen Temperaturen bei Speis und Trank im Freien zu genießen ist aber längst nicht nur in Wien gefragt. „Das städtische Leben verlagert sich zunehmend auf den öffentlichen Raum“, sagt der für diesen zuständige Innsbrucker Stadtrat Gerhard Fritz (Grüne). In der Tiroler Landeshauptstadt gebe es bereits jetzt weit über hundert Schanigärten, jedes Jahr kämen einige dazu. „Und das ist von der Stadtführung parteiübergreifend erwünscht“, erklärt Fritz.

Auch in Salzburg, Linz und Graz stellen immer mehr Wirte Tische auf Gehsteige und Parkplätze. Gab es in der oberösterreichischen Landeshauptstadt 1980 lediglich fünf Schanigärten auf öffentlichem Gut, sind es mittlerweile 262. In Salzburg liegen dem Magistrat allein derzeit zehn Anträge vor. Gerade im Innenstadtbereich muss aber auch die Ausstattung passen: „Da kann man nicht den letzten Biertisch hinstellen“, sagt Fritz. (mika, mro, ruep, simo, 3.7.2015)

Wissen: Gianni, Jean und Schani

Wer außerhalb von Wien einen Schanigarten sucht, wird keinen finden. Nicht weil es dort keinen gibt, sondern weil er nur in Wien so genannt wird. Der Schani ist kein Schackl von Bürgermeister Michael Häupl, sondern dürfte auf den italienischen Brantweinwirt Johann (Gianni) Tarone zurückgehen, der um 1750 die Genehmigung erhielt, Tische und Stühle vor seinem Lokal am Graben aufzustellen. Aus Giannis Garten wurde Schanigarten. Doch eigentlich leitet sich Schani von Jean (Französisch für Johann) ab. Hans war auch ein Rufname für einfache Bedienstete, egal wie sie wirklich hießen. Im frankophilen Wien des 18. Jahrhunderts also Jean also Schani. Viel später, 1888, wurde die Anweisung „Schani, trag den Garten aussi!“ erstmals in einem Wienerlied besungen.

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